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Nutzung von Wasserstraßen zum Transport von Baustoffen in Gent (Belgien)

Von News Editor / Aktualisiert: 26 May 2015

Im historischen Stadtkern von Gent werden derzeit zahlreiche Bauarbeiten durchgeführt. Die dadurch entstehende hohe Verkehrsdichte verursacht jedoch Probleme wie Lärm und Luftverschmutzung, Gestank und andere Gesundheitsrisiken. Das flämische Institut für Mobilität (VIM), eine unabhängige Organisation, die von der flämischen Regierung beauftragt wurde, nachhaltige Mobilitätslösungen umzusetzen, testete eine Maßnahme, mit der Baustoffe über das enge Genter Wasserstraßennetz zu einer Baustelle in der Innenstadt befördert werden sollen.

Das Pilotprojekt erfolgt vor der Implementierung eines regionalen Netzes aus Distributions- und Konsolidierungszentren für das Baugewerbe, wobei Wasserstraßen als Hauptverkehrswege benutzt werden. Diese Implementierung ist für 2016 vorgesehen.

Context 

Gent ist eine mittelgroße belgische Stadt mit ungefähr 257 000 Einwohnern. In jüngster Zeit werden dort umfangreiche Bauarbeiten durchgeführt, da ältere, historische Bauwerke saniert oder abgerissen werden, um Platz für neue, moderne Entwicklungen zu schaffen. Dies hat massive Auswirkungen auf die innerstädtische Mobilität. Durch den zunehmenden Verkehr von LKW und leichten Nutzfahrzeugen nehmen die Verschmutzung und die Lärmbelastung zu, während gleichzeitig die Verkehrssicherheit zum Problem wird.

Die Luftqualität in Gent ist derzeit 30 Prozent des Tages mäßig bis schlecht. 32 Prozent der Schadstoffemissionen werden durch den Straßenverkehr verursacht. Über 15 Prozent der Bewohner sind einem Geräuschpegel von mindestens 70 dB (A) ausgesetzt, und der öffentliche Raum wird zunehmend durch parkende Fahrzeuge und Müllcontainer eingeschränkt. Die Baustelle, an der das VIM die Initiative „auf der letzten Meile“ testete, befindet sich in einer Fußgänger- und Einkaufszone, der Langemunt, in der die Zufahrt und die Platzvergabe seit ihrer Schließung für den Straßenverkehr 1982 beschränkt sind.

In action 

Das Pilotprojekt Langemunt ist Teil des größeren Distribuild-Projekts, das darauf abzielt, in Flandern und Brüssel ein Netz aus multimodalen Distributions- und Konsolidierungszentren aufzubauen. Diese Zentren werden Baustofflieferungen annehmen und verarbeiten, bevor sie mit nachhaltigen Verkehrsmitteln auf der „letzten Meile“ zugestellt werden. 

Dazu verwendet das Projekt einen flachen Schiffstyp (eine Kombination aus Schubkahn und Schubschiff). Diese Schiffe wurden umgebaut, um die für die innerstädtischen Wasserstraßen geltenden Einschränkungen zu erfüllen. Durch den teilweisen Abbau des Steuerhauses und die Absenkung des Hydraulikkrans an Bord konnten die Schiffe unter niedrigen Brücken durchfahren. Neben den baulichen Änderungen an den Schiffen spielte auch die Verringerung des Wasserpegels eine Rolle, um die durch die Schiffshöhe aufgetretenen Probleme zu lösen.

Dieser Lastkahn verkehrte zwischen der am Fluss Leie gelegenen Baustelle und einem Konsolidierungszentrum außerhalb des Stadtzentrums, das an das Hauptstraßennetz angeschlossen ist. Durch dieses System konnten Teilladungen von Baustoffen konsolidiert und zum endgültigen Bestimmungsort befördert werden, wodurch zahlreiche LKW-Lieferungen in die Innenstadt wegfielen. Mit dem Schubkahn konnten zudem bis zu 60 t Bauschutt pro Fahrt entfernt werden. Außerdem konnte der Schubkahn in Stillstandphasen vorübergehend als Lager- und Verarbeitungsraum genutzt werden. Dies trug dazu bei, dass die Bauarbeiten, die wegen Platzmangel auf Probleme stießen, erleichtert wurden.

Results 

Durch den Bau eines Konsolidierungszentrums am Stadtrand konnten Baustoffe zu einzelnen Lieferelementen verpackt werden, die per mit einem Hydraulikkran ausgerüsteten Schubkahn zur Baustelle befördert wurden. Der Schubkahn, der eine Last von max. 120 Tonnen befördern kann, erwies sich als besonders nützlich bei der Beseitigung von Bauschutt, der von der Baustelle zum Recyclingzentrum gebracht wurde, das sich in unmittelbarer Nähe zum Konsolidierungszentrum befindet. 10 Fahrten mit dem Schubkahn ersetzten 75 LKW-Fahrten in den mittelalterlichen Stadtkern von Gent (die Strecke vom Distributionszentrum zur Baustelle betrug pro Weg ca. 20 km). Die Kohlendioxidemissionen konnten dadurch um ca. 76 Prozent reduziert werden.1

Beim Einsatz eines Konsolidierungszentrums wurde offensichtlich, dass eine Reihe von Logistikaktivitäten in Verbindung mit einer innerstädtischen Baustelle außerhalb der Baustelle durchgeführt werden kann. Dadurch können von der Baustelle zeitaufwendige und andere Nebenarbeiten, für die zusätzlicher Platz benötigt wird, ausgelagert werden. Das Projekt, dessen Gesamtkosten sich auf 43 600 € beliefen, lief von März bis Juli 2014. Nach Berechnungen des VIM könnten sich diese Kosten jedoch um 60 Prozent auf ca. 26 600 € verringern, da es sich bei einem Großteil der Aufwendungen um Anlaufkosten handelt. Eine Kosten-Nutzen-Analyse hat ergeben, dass die Vorteile die Kosten überwiegen: Der Gesamtnutzen wird mit 5 625 € bzw. ungefähr 75 € pro Hin- und Rückfahrt beziffert.

1Grundlage: Schiff: 25 Gramm CO2 pro Tonne/km, LKW: 105 Gramm CO2 pro Tonne/km    

 

Challenges, opportunities and transferability 

Das Projekt lieferte den eindrucksvollen Beweis, dass für den Transport von Baustoffen zu oder von innerstädtischen Baustellen sogar kleine Boote oder Schiffe anstelle von LKW benutzt werden können. Für 2016 ist die regionale Implementierung eines Netzes aus Distributions- und Konsolidierungszentren für das Baugewerbe geplant. Der Transport von Baustoffen zwischen den Zentren und den Baustellen wird auf den Wasserstraßen durchgeführt. Diese Transportart lässt sich leicht auf andere europäische Städte, die über innerstädtische Wasserstraßennetze verfügen, übertragen. Das VIM stand jedoch vor einigen Anfangsschwierigkeiten.

„Die größte Herausforderung war die Zugänglichkeit des innerstädtischen Wasserstraßennetzes, das aufgrund seiner Abmessungen, wie zum Beispiel der Tiefe und der Höhe, erheblichen Beschränkungen unterlag“, berichtete IVM-Projektleiter Johan Boonen. „Das bedeutete, dass es sehr schwierig war, die ideale Route für die Schiffe zu finden, und es nur wenige, sorgfältig auszuwählende Stellen gab, an denen die Schiffe be- und entladen werden konnten.“

Durch das Projekt wurde zudem der Beweis erbracht, dass ein Konsolidierungszentrum für Baustoffe am Stadtrand von Vorteil ist. Ein derartiges Zentrum kann innerstädtische Baustellen entlasten, indem dort entweder Teilladungen einzeln verschifft werden oder Mehrwertdienste – wie zum Beispiel Vorfertigungsarbeiten, Sortieren, Auspacken oder Recyceln – erbracht werden. Diese Art von Aktivität kann auf jede mittlere oder große europäische Stadt übertragen werden.

Topic: 
Urban freight/city logistics
Region: 
Northern Europe
Country: 
Belgium
Author: 
Jan-Willem Van Der Pas
05 Jan 2015
26 May 2015
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