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ELMO: innovatives landesweites Schnellladenetz für Elektrofahrzeuge in Estland

Von News Editor / Aktualisiert: 31 Aug 2015

Im Jahr 2011 wurde in Estland ein ehrgeiziges landesweites Elektromobilitätsprogramm zur Förderung der Nutzung von Elektrofahrzeugen (Efz) auf den Weg gebracht. Das Programm umfasste finanzielle Anreize für den Kauf von Efz, Aufklärungskampagnen, ein Projekt zur gemeinsamen Nutzung von Efz („Carsharing“) und die Anschaffung von Efz für die staatlichen Sozialdienste.

Als Voraussetzung für den Programmerfolg bedurfte es jedoch eines Bindeglieds zwischen den einzelnen Projekten. Deshalb wurde im März 2011 unter der Bezeichnung ELMO ein innovatives landesweites Netz aus Schnellladestationen eingerichtet, das erste seiner Art weltweit.

Context 

Estland ist ein kleines nordosteuropäisches Land mit einer Fläche von 45.227 km² und 1,3 Millionen Einwohnern, von denen mehr als ein Drittel in Städten lebt. Der Urbanisierungsgrad liegt bei 70 Prozent. Zur Fortbewegung nutzen 53 Prozent der Bevölkerung das Auto und 23 Prozent öffentliche Verkehrsmittel, 23 Prozent gehen zu Fuß oder fahren mit dem Rad.

Im Rahmen seines nationalen Verkehrsentwicklungsplans hat sich Estland eine Ausweitung des Anteils erneuerbarer Energie im Verkehrssektor auf 10 Prozent zum Ziel gesetzt, was einer Steigerung um 9,8 Prozent gegenüber 2011 entspricht. Die Elektromobilität wird als ein mögliches Mittel dazu betrachtet. Neben der Steigerung des Anteils erneuerbarer Energie im Verkehrssektor strebt Estland mit seinem Elektromobilitätsprogramm eine Reduzierung der CO2-Emissionen des Individualverkehrs an.

In action 

Das Programm ELMO wurde als maßgebliches Instrument zur langfristigen Förderung der flächendeckenden Nutzung von Efz in Estland betrachtet. Der Gesamtetat für den landesweiten Aufbau der notwendigen Infrastruktur und zur Deckung der Wartungskosten für fünf Jahre belief sich auf rund 12 Millionen Euro. Als Finanzierungsgrundlage diente ein Handelsabkommen zwischen Estland und der japanischen Firma Mitsubishi Corporation über CO2-Emissionen unter Zugrundelegung des Kyoto-Protokolls.

Zwecks Errichtung des landesweiten Schnellladenetzes beauftragte die estnische Regierung die auf Programmfinanzierung und Programmabwicklung spezialisierte Agentur KredEx mit der Beschaffung einer schlüsselfertigen technischen Lösung privater Anbieter nebst Abschluss eines Betreibervertrages mit einer Laufzeit von fünf Jahren. Darüber hinaus hatte KredEx geeignete Plätze für die Ladestationen zu suchen und zu erwerben sowie für deren Anschluss an das Stromnetz zu sorgen. Die Ausführung der einzelnen Programmtätigkeiten sollte ausschließlich durch privatwirtschaftliche Unternehmen erfolgen.

Im Sommer 2011 wurde ELMO offiziell auf den Weg gebracht. Standortsuche, Netzanschluss und die Ausschreibung schlüsselfertiger Ladestationen einschließlich Abrechnungssystem und Wartung gingen gleichzeitig vonstatten. Die Ausschreibung für die schlüsselfertige Lösung gewann ein Konsortium unter Führung des multinationalen Energie- und Automatisierungstechnikkonzerns ABB mit dem Software-Partner NOW! Innovations und dem Dienstleistungsunternehmen G4S.

Results 

Im Februar 2015 ging das ELMO-Netz mit 165 gewöhnlichen Schnellladestationen der Marke CHAdeMO[1] offiziell in Betrieb. Es war das erste seiner Art weltweit. Die Ladestationen befinden sich an allen vielbefahrenen Straßen, in Städten mit mehr als 5000 Einwohnern, an stark frequentierten Standorten wie etwa Tankstellen, Cafés, Ladengeschäften und Bankinstituten sowie in Häfen für in- und ausländische Reisende. Sie sind jeweils 40 bis 60 Kilometer voneinander entfernt. Gegenwärtig stehen 100 Stationen in Städten (44 in größeren Orten, 27 in der Hauptstadt Tallinn, zehn in Tartu, fünf in Pärnu und zwei in Narva) und 65 an Verbindungsstraßen. Die Bezahlung für den Ladevorgang erfolgt über die ELMO-App mittels Mobiltelefon oder über eine RFID-Karte (radio-frequency identification; externer Link). Die ELMO-Vertragskunden können ferner rund um die Uhr einen telefonischen Kundendienst in Anspruch nehmen.

In den vergangenen zwei Jahren hat das Schnellladenetz rasch an Beliebtheit gewonnen. Die Anzahl der Ladevorgänge pro Monat erhöhte sich von 1000 im Februar 2013 auf 11.000 im Januar 2015. Gegenwärtig wird ELMO von 1100 Efz-Fahrern regelmäßig genutzt; die Ladedauer beträgt durchschnittlich 20 Minuten.


[1] Die Abkürzung CHAdeMO  steht für CHArge de Move und ist der Handelsname einer Schnellladetechnik für batteriebetriebene Elektrofahrzeuge, die über eine spezielle elektrische Steckverbindung bis zu 62,5 kW Hochspannungs-Gleichstrom liefert. Die Methode wird vom gleichnamigen Fachverband als weltweite Industrienorm propagiert.

Challenges, opportunities and transferability 

„Die Errichtung der landesweiten Infrastruktur ist hochkomplex und bedarf einer sorgfältigen Abstimmung zwischen den einzelnen Aufgabenfeldern, also beispielsweise dem Erwerb geeigneter Standorte, der Entwicklung technischer Lösungen und dem Aufbau des Kundendienstes“, so Jarmo Tuisk, Leiter des Bereichs Elektromobilität bei NOW! Innovations. „Jedes einzelne war eine Herausforderung für uns.“

Beweggründe, Leitbild und Strategie für das Projekt wurden in einem Analyse- und Richtlinienpapier festgehalten. Entscheidend für den Projekterfolg war laut Tuisk die Auswahl kooperationswilliger Partner mit der richtigen Fach- und Sachkenntnis. „Natürlich geht es auch nicht ohne ein erstklassiges Projektmanagement“, fügt er hinzu. Und ohne Kompromisse wohl ebenfalls nicht: Entscheidend für die Standortwahl waren einerseits die Ergebnisse der Straßennutzungsanalysen und andererseits die Eignung und Verfügbarkeit der Standorte.

Da das estnische Schnellladenetz in sehr kurzer Zeit – binnen zwei Jahren – aufgebaut wurde, waren einige Sofortmaßnahmen unumgänglich, die sich als problematisch erweisen könnten. So könnte das gewählte Modell mit nur einem Betreiber- bzw. Abrechnungsunternehmen es anderen Anbietern erschweren, mit dem bereits flächendeckend eingeführten Angebot zu konkurrieren. In Zukunft werden die zuständigen staatlichen Stellen daher entscheiden müssen, ob und wie das Netz für andere Anbieter bzw. Investoren geöffnet werden soll.

„Die wachsende Beliebtheit des öffentlichen Schnellladenetzes belegt zweifelsfrei den Bedarf an verkehrsgünstig gelegenen und benutzerfreundlichen Ladestationen für Efz“, so Tuisk. „Sie ist ferner ein Beleg dafür, dass sich Schnellladestationen nicht nur für Autobahnen, sondern auch für städtische Gebiete eignen, da die meisten Efz-Besitzer in Städten wohnen.“

Topic: 
Clean and energy-efficient vehicles
Country: 
Estonia
City: 
National
Author: 
Jan-Willem Van Der Pas
29 Apr 2015
31 Aug 2015
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